Delir-Risiko

Das Phänomen der „akuten Verwirrtheit“ (= Delir) tritt bei älteren, multimedizierten Patienten häufiger auf als weitläufig angenommen und stellt fälschlicher Weise kein „Durchgangssyndrom“ dar: Die Symptome bilden sich nicht alleine, also ohne Hilfe von außen, zurück, sondern es können fatale Folgeschäden zurück bleiben.

Ein Delir ist grundsätzlich ein akuter und gefährlicher Krankheitszustand, der umgehend ärztlich behandelt werden muss.

Der spontane Eintritt eines Delirs bewirkt ständig wechselnde Störungen

  • der Gedächtnisleistung
  • der Gefühls- und Gemütslage
  • der Psychomotorik
  • der Bewusstseinslage

Die zügige Erkennung ist die Voraussetzung für Chancen einer Besserung.

Als (prädisponierende) Ursachen eines Delirs werden u.a. genannt:

  • ein hohes Lebensalter
  • bereits vorhandene kognitive Einschränkungen
  • Multimorbidität
  • Multimedikation (Polypharmazie)

Ältere Menschen können unvermittelt auf neue oder schon vorhandene Medikamente mit einem Delir reagieren. Das abrupte Absetzen von Arzneimitteln - insbesondere von denen, die nicht abrupt abgesetzt werden dürfen – kann ein Entzugssyndrom auslösen, das sich in Form eines Deliriums darstellen kann. 

Der sich addierende Effekt (Kumulation) von Arzneimitteln mit anticholinergem Charakter kann adverse, (also unerwartete und sich ins Gegenteil verkehrende) Wirkungen verursachen.

Als auslösende (präzipitierende) Faktoren werden genannt:

  • Schmerzen
  • operativer Eingriff
  • zu lange Flüssigkeitskarenz (Vorsicht: Natriummangel)
  • Multimorbidität

 

Die Medikations-Risiko-Darstellung legt daher besonderen Augenmerk auf die anticholinerge Last (ACB), die sich in peripheren und zentralen Symptomen äußern kann:

Peripher:

  • Große Pupille (außer bei Opioid-Überdosierung)
  • verstopfte Nase
  • Mundtrockenheit
  • Tachykardie
  • Arrhythmie
  • Hypertonie
  • warme, trockene Haut
  • (Ileus) Verstopfung
  • Harnverhalt (… Tröpfelinkontinenz, Nierenstau)

Zentral:

  • Orientierungsschwäche
  • Agitiertheit (Ruhelosigkeit, Nervosität)
  • Benommenheit

Bei der Verwendung von mehreren Medikamenten täglich (> 5-6) kann der Anteil von anticholinerg-wirksamen Medikamenten schnell steigen. Multimedikation sollte im Alter nach Möglichkeit vermieden werden, bzw. ein konzentrierter Blick auf die anticholinerge Last einer Arzneimittelzusammenstellung ist anzuraten, um die Last der Nebenwirkungen (… und auch der Hauptwirkungen) niedrig zu halten. Zu diesem Thema haben sich schon viele Geriater im gleichen Sinn geäußert. Entsprechende Publikationen liegen vor und können auch im Internet nachgeschlagen werden.

Darüber hinaus haben viele Arzneimittel einen delirogenen Charakter, die wir im Analyselayout gekennzeichnet haben.

Ebenso wichtig ist im fortgeschrittenen Alter die Vermeidung einer Hyponatriämie. Dies bedeutet, dass durch Flüssigkeitskarenz oder Arzneimittel ( z.B. Diuretika, u.v.a.m) der Natriumanteil im Körper zu gering ist. Eine Hyponatriämie kann von sich aus bereits für folgende Misslichkeiten stehen:

  • Sturz, Fallneigung
  • Muskelschwäche
  • Delir
  • Hypotonie
  • Kognitionseinbuße
  • Gangunsicherheit
  • Appetitverlust

Wir bieten an, eine potenzielle Elektrolytverschiebung durch Arzneimittel grafisch auszuwerten (siehe: Elektrolytverschiebung durch Arzneimittel)

Die Auswertung der Medikations-Risiko-Darstellung hinsichtlich delirogener Gefahren ist daher inhaltlich ausführlich dargestellt und bedarf eines intensiven Studiums seitens des Anwenders / Nachfragenden. Es wird empfohlen, bei einem Verdacht auf Delir umgehend (!) einen Arzt zu rufen. Die Medikations-Risiko-Darstellung kann dem Arzt zur weiteren Behandlung ausgehändigt werden.

Für Sie zur Information:  Abgrenzung von Demenz und Delir:

Erscheinungsbild Demenz Delir
Entwicklung Schleichend über Monate und Jahre akut, häufig nachts, in Stunden bis Tagen
Orientierungsfähigkeit Häufig eingeschränkt, zunächst v.a. zeitlich, dann auf Orientierungsqualitäten übergehend; v. a. zeitliche Desorientierung
Sprache Verarmung, zunehmende Wortfindungsstörungen, im späteren Stadium Einwortsätze bis hin zum Verstummen Häufig gesteigerter Redefluss (hyperaktives Delir) oder stark reduzierter Redefluss (stilles Delir), unzusammenhängend
Wahn / Halluzination / Illusion eher selten Visuelle und auditive Formen häufig
Psychomotorik Meist unauffällig oder für die Person im üblichen Rahmen / anlassbezogen Ruhelos bis gehetzt wirkend oder antriebsarm / hypoaktiv
Körperliche Symptome Meist unauffällig Vegetative Symptome (Schweißneigung, Herzklopfen, Zittern etc.)
Bewusstsein Unauffällig Eingeschränkt / getrübt

Folgende Beobachtungen können nützlich sein:

Delir Demenz
Das Delir beginnt meist plötzlich und unerwartet
 Verwirrtheitszustand bei Demenz entwickelt sich langsam
   
Symptome des Delirs können im Tagesverlauf stark schwanken und sind i. d. Regel nachts schlimmer  
Häufig findet man eine Umkehr des Schlaf-Nacht-Rhythmus  
Ein Delir dauert Stunden, Tage oder auch Wochen; meist nie länger Dauerhafter, progredient fortschreitender Vorgang

Leistungsumfang der Medikations-Risiko-Darstellung:

Zum Thema Delir-Risiko durch Arzneimittel werden folgende Nebenwirkungen und die dazu passenden Beschwerden analysiert:

  1. Nebenwirkungen / Beschwerden Delir-Risiko
    • Verwirrtheit
    • Unruhe
    • Halluzination
    • Aggressivität
    • Reizbarkeit
    • Angst
    • Konzentrationsstörung
    • Müdigkeit
    • Benommenheit
    • Sedierung (ZNS-Dämpfung)
    • Desorientierung
    • Psychose (veränderte Realitätswahrnehmung)
       
  2. Nebenwirkungen / Beschwerden bei Delir-Risiko
    • Delir als Nebenwirkung
    • Delir bei Überdosierung
    • Kontraindikation bei Delir
    • Amnesie (Gedächtnisstörung)
    • anterograde Amnesie (Erinnerungsverlust nach Eintreten der Krankheitsursache)
    • Delir bei Arzneimitteln mit anticholinergem Charakter
    • zentral dämpfend
    • potenziell Demenz-förderndes Arzneimittel
    • Cave Demenz (Vorsicht bei Demenz)
    • Nicht bei Demenz anwenden
       
  3. Essentielle Nebenwirkungen bei Delir-Risiko (ohne unmittelbare Beschreibung durch Patienten)
    • Anticholinerge Last (ACB)
    • Delir (als Nebenwirkung eines Medikaments)
    • potentiell Delir auslösend (nach Füsgen)
    • potenziell Delir auslösend (nach Alagakrishnan)
    • Priscus-Liste (Negativ-Liste für Arzneimittel bei geriatrischen Patienten)
    • Abhängigkeitspotenzial
    • Serotonin-Syndrom
    • nicht abrupt absetzen (Wegen einer eventuellen Medikationsanpassung)

Die analytische Auswertung berücksichtigt das qualitative Auftreten der genannten Nebenwirkungen sowie deren Quantität innerhalb der Medikation. Wahrscheinlichkeitsangaben über das Eintreten einer Nebenwirkung erfolgen nicht.

Wechselwirkungen werden gesondert aufgeführt.

Wir verweisen an dieser Stelle auch auf die Beachtung derAGB und der Datenschutzhinweise.

Bei der Medikations-Risiko-Darstellung handelt es sich um eine Medikationsanalyse ohne abschließende Erfolgsgarantie. Es gibt keine Garantie dafür, dass nach Umsetzung der Analyse Neben- und Wechselwirkungen wirklich verschwinden. Wir halten jedoch die Chancen dafür sehr hoch, wenn es ärztlicherseits gelingt, auf Basis der Medikations-Risiko-Darstellung  beispielsweise die Multimedikation zu verringern, die Anwendungsdosierungen anzupassen oder andere, geeignetere Medikamente zur Behandlung einzusetzen, wenn sich diese Optionen ergeben.